Die fortgeschriebene Reichsbanner-Totenliste
Im letzten Rechenschaftsbericht des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold von Februar 1933 wurde eine Liste der Todesopfer zusammengestellt. Sie endet mit Walter Steinfeld, der am 5. Februar 1933 in Breslau von Nationalsozialisten erschossen wurde. Doch im Exil wurde die Dokumentation des Terrors weitergeführt. Ein Bericht über ein bedrückendes Zeitdokument aus dem Neuer Vorwärts von 1934.
von Marlon Bünck, Stv. Bundesvorsitzender
Nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 gingen die Nationalsozialisten auf kommunaler und regionaler Ebene verstärkt gegen das Reichsbanner und die Organisationen der Eisernen Front vor. Zahlreiche Ortsgruppen wurden verboten, während sich manche angesichts des zunehmenden Drucks selbst auflösten. Mit der Beschlagnahmung des Vermögens der SPD und der Gewerkschaften am 10. Mai 1933 wurden der Eisernen Front schließlich auch ihre organisatorischen und finanziellen Grundlagen entzogen, wodurch ihre Tätigkeit endgültig zum Stillstand kam. Mitglieder des Reichsbanners wurden verfolgt, verhaftet und ermordet.
Die Totenliste des Reichsbanners konnte seit Februar 1933 nicht mehr weitergeführt werden. Die nationalsozialistische Gewalt entlud sich nach den Märzwahlen in immer heftigeren Aktionen gegen Reichsbanner-Mitglieder. Schon die Jahre zuvor hatten die Sturmabteilungen der NSDAP Jagd auf Mitglieder des Reichsbanners gemacht. Joseph Goebbels notierte am 3. Januar 1931 in sein Tagebuch: „Gestern am Morgen einigen Ärger. 2 Reichsbanner von unseren erschossen. Das macht Respekt. Die anderen haben mit dem Terror angefangen, wir sind nur in Notwehr.“
In der Köpenicker Blutwoche im Juni 1933 verschleppt die SA Hunderte Menschen und foltert sie in ihren SA-Lokalen und dem Amtsgefängnis Köpenick. Der „Köpenicker Blutwoche“ fallen auch Angehörige des Reichsbanners zum Opfer, wie Johannes Stelling, Paul von Essen, Anton Schmaus und sein Vater Johann, Paul Pohle und Richard Aßmann. Das ehemalige Wassersportheim des Reichsbanners, nun SA-Heim, wird zum Schauplatz grausamer Folter und Morde. Die Leichen werden teilweise in den Fluss geworfen oder, wie Paul Pohle, Wochen später erhängt im Wald gefunden.
Der nach Prag geflüchtete Parteivorstand der SPD bringt mit dem Neuer Vorwärts wieder eine Wochenzeitung heraus und berichtet über den Terror im nationalsozialistischen Deutschland, über die Morde in Köpenick und das Verschwinden von Sozialdemokraten. Am 15. Juli 1934 veröffentlicht er eine Todesliste, die auch Reichsbanner-Angehörige aufführt.
„Es sind seit Anfang 1933 in Deutschland annähernd 500 Männer auf die brutalste Weise hingemordet worden. Man hat sie in ihren Wohnungen, in den Büros, auf der Straße, kurz, wo man verhaßte politische Gegner erwischen konnte, niedergeschlagen, niedergestochen oder niedergeschossen. Man hat andere in die Konzentrationslager geschleppt, dort geprügelt und nach Methoden gefoltert, denen gegenüber die des Mittelalters verblassen. Man hat sie zu Krüppeln geschlagen, in der Zelle aufgehängt, sie aus den Fenstern hoher Stockwerke in den Hof hinabgestürzt, oder sie „auf der Flucht erschossen“. Eine furchtbare Liste, die aber unvollständig ist, weil bei weitem nicht alle Morde bekannt sind. Nicht den ermordeten Mördern, sondern ihren Opfern muß sich die Welt zuwenden! Neben denen, die noch in den Konzentrationslagern den entsetzlichsten Mißhandlungen ausgesetzt sind, neben den anderen, die, bis zum Wahnsinn gefoltert, in den Irrenanstalten endeten, beklagen die Sozialdemokratie, das Reichsbanner, die Eiserne Front die nachstehenden Todesopfer.“ (Neuer Vorwärts, 15.7.1934)
Die Liste beinhaltet über 54 Namen von ermordeten Personen und ebenfalls eine Liste von Personen, die Selbstmord begangen haben. Sie ist ein stilles Zeugnis und gibt einen Einblick darüber, was in knapp über einem Jahr nach den Märzwahlen 1933 an Verfolgung und Terror geschah. Nicht bei allen Namen ist der Reichsbanner-Bezug kenntlich, dieser ist durch den Autor in Klammern ergänzt. Beispielsweise Adolf Biedermann, ehemaliger Vorsitzender des Reichsbanners Hamburg, der im Mai 1933 unter nie aufgeklärten Umständen aus einem fahrenden Zug fiel. Manche Opfer konnten nicht namentlich verifiziert werden. Sie stehen in bedrückender Weise namenslos in der Liste, wie zum Beispiel: „Sonnenburg, Konz.-Lager: Ein sozialdemokratischer Funktionär erhängt sich am 11. August 1933.“
Der Bericht schließt mit:
„78 Sozialdemokraten und Reichsbannerkameraden, die unschuldig ohne gerichtliches Verfahren hingemordet worden sind — hingemordet von den Banden der Hitler, Röhm, Göring und Heines! Die gemordeten SA-Führer und ihre Mörder — sie alle zusammen sind die Mörder unserer Kämpfer für ein freies sozialistisches Deutschland.“
Auszüge aus der Totenliste mit Reichsbanner-Bezug (bis Juli 1934)
| Ort | Name | Funktion | Datum | Todesumstände |
| Offenbach | Bleß | Reichsbannermann | 8.3.1933 | Tödlich verletzt durch SA am 5.3.1933 |
| München | unbekannt | Reichsbannerkamerad | 9.3.1933 | Als Leiche im Gewerkschaftshaus aufgefunden |
| Braunschweig | Otto Kose | Reichsbannerkamerad | – | Im KZ zu Tode geprügelt |
| Bremen | unbekannt | Reichsbannerkamerad | 3.3.1933 | Gestorben an Folgen schwerer Misshandlungen durch SA |
| Braunschweig | Otto Rock | Reichsbannerführer | 4.7.1933 | Ermordet |
| – | Johannes Stelling | MdR, SPD-Parteivorstand | 22.6.1933 | Ermordet |
| Berlin-Köpenick | Richard Aßmann | Reichsbannerführer | 22.6.1933 | Ermordet |
| Berlin-Köpenick | Paul van Essen | Reichsbannerführer | 22.6.1933 | Ermordet |
| Berlin-Köpenick | Paul Pohl | Reichsbanner | 22.6.1933 | Ermordet |
| – | Anton Schmaus | Reichsbanner | 22.6.1933 | Ermordet |
| Hamburg | Biedermann | MdR, Reichsbanner | – | Als Leiche an Bahnstrecke aufgefunden; angeblich aus fahrendem Schnellzug gesprungen |
| Chemnitz | Max Rupf | Reichsbannerkamerad | 11.4.1933 | Erschossen aufgefunden |
| Lübeck | Fick | Reichsbannerkamerad | 8.3.1934 | Zum Tode verurteilt und hingerichtet (Enthauptung); hatte sich bei SA-Überfall gewehrt; Revision verworfen |
| Worms | Franck | Reichsbannerkamerad | 23.3.1933 | Suizid |
| Lübeck | Kaehding | Reichsbannerkamerad | – | Suizid in der Zelle nach Todesurteil |