Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten e.V. Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten e.V.

Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten e.V. - Ernst Leitz II und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold

20.12.2025

Ernst Leitz II und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold

Bericht vom Kolloquium von Ernst Leitz Stiftung, Wetzlarer Geschichtsverein und Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.

Die Ernst Leitz Stiftung, der Wetzlarer Geschichtsverein e.V. und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold veranstalteten am Samstag, 15. November im Haus Friedwart ein Kolloquium zur Geschichte des Reichsbanners in der Weimarer Republik und in Wetzlar – sowie zum Wirken von Ernst Leitz II für die erste deutsche Demokratie. Unter den Gästen befanden sich nicht nur Mitglieder der drei Organisationen, sondern auch Vertreterinnen und Vertreter der Leica Camera AG, des Stadtarchivs Wetzlar und der Tourist-Information Wetzlar.

Die Impulsvorträge hielten Marlon Bünck, Stellvertretender Bundesvorsitzender des Reichsbanners, Bernd Lindenthal, Stellvertretender Vorsitzender des Wetzlarer Geschichtsvereins, sowie Dr. Oliver Nass, Vorsitzender der Ernst Leitz Stiftung und Urenkel von Ernst Leitz II. Die Moderation übernahm Lennard Oehl, Landesvorsitzender des Reichsbanners Hessen.

Bünck zeichnete in seinem einleitenden Vortrag die Gründung des Reichsbanners im Jahr 1924 nach und beschrieb dessen Entwicklung zur größten Republikschutzorganisation der Weimarer Republik mit bis zu drei Millionen Mitgliedern. Getragen von den Parteien der „Weimarer Koalition“ – Sozialdemokratie, Liberale und Zentrum – setzte sich das Reichsbanner für die Stärkung der Republik und den gewaltfreien Schutz vor ihren Feinden von links und rechts ein. Eine Bewaffnung lehnte der Bund ausdrücklich ab. Unter den Mitgliedern fanden sich neben fünf Reichskanzlern prominente Persönlichkeiten wie Philipp Scheidemann, Otto Wels, Julius Leber, Kurt Schumacher, Fritz Bauer, Paul Löbe und Theodor Heuss. Bünck beleuchtete zudem die inneren Konflikte Anfang der 1930er Jahre, die Folgen des Preußenschlags vom 20. Juli 1932 sowie das Ende des Reichsbanners zwischen Selbstauflösung und Verbot im Mai 1933.

Zur Veranschaulichung wurden Originalquellen und historische Materialien präsentiert, darunter ein Reichsbanner-Mitgliedsbuch aus Hessen. Ein digitalisierter Film über einen Reichsbanner-Aufmarsch im November 1924, aufgenommen von Oskar Barnack, dem Erfinder der Leica, ergänzte die Darstellungen.

Anschließend führte Bernd Lindenthal in die Geschichte des Reichsbanners in Wetzlar ein und erläuterte die Rolle von Ernst Leitz II. Der politisch engagierte Unternehmer war in den 1920er Jahren Mitglied der linksliberalen DDP und beteiligte sich maßgeblich an der Gründung des Reichsbanners in Wetzlar. Neben organisatorischer und finanzieller Unterstützung – etwa bei der Beschaffung von Uniformen – stellte er auch Fahrzeuge der Leitz-Werke für die Anreise zu Treffen bereit. Das Reichsbanner zählte in Wetzlar bis zu 600 Mitglieder und konnte bei Kundgebungen bis zu 6.000 Teilnehmer mobilisieren.

Schätzungen zufolge gehörte rund ein Drittel der Belegschaft der Leitz-Werke dem Reichsbanner an. Unter den Mitgliedern waren bedeutende Mitarbeiter wie Max Berek, der führende Konstrukteur der Leitz-Objektive, oder Alfred Türk, Verkaufsleiter der Werke. Türk wurde 1939 von der Gestapo verhaftet und nur durch das entschlossene Eingreifen von Leitz wieder freigelassen. Auch der jüdische Dissident Carl Brinkmann, ab 1928 zweiter Vorsitzender des Reichsbanners in Wetzlar, arbeitete in den Leitz-Werken. 1936 übernahm er die Vertretung in Wien und emigrierte 1938 in die USA.

Dr. Oliver Nass vertiefte die Veranstaltung mit einer Darstellung der Fluchthilfe durch die Familie Leitz und der erheblichen Risiken, die mit den Rettungsaktionen für jüdische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Bürgerinnen und Bürger aus Wetzlar verbunden waren. Im Anschluss entwickelte sich eine angeregte Diskussion, die auch Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen herstellte. Thematisiert wurden die heutige Rolle der Stiftung, die die Familiengeschichte umfassend aufarbeitet und veröffentlicht, sowie die Aktivitäten des Reichsbanners, das nach dem Krieg wiedergegründet wurde und im vergangenen Jahr auf dem Domplatz in Magdeburg unter Mitwirkung der Bundeswehr sein 100-jähriges Jubiläum feierte.

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