Büros für die Republik
Nach seiner Gründung wuchs das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold rasant zur Massenorganisation, ohne über feste Büroräume zu verfügen. Der Weg zum eigenen Bundeshaus war geprägt von Problemen und einer jahrelangen Hängepartie.
Marlon Bünck, Mitglied des Bundesvorstandes
Nach seiner Gründung am 22. Februar 1924 entwickelte sich das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in den darauffolgenden Monaten und Jahren zu einer Millionenorganisation. Die damit verbundenen Herausforderungen waren beträchtlich: die Organisation des Reichsbanners im gesamten Deutschen Reich, der Aufbau eines Agitationsapparats, die Verbreitung von Zeitschriften und Zeitungen sowie die kontinuierliche Steigerung der Mitgliederzahlen waren zentrale Aufgaben.
In diesem Zusammenhang ist weitgehend unbekannt, unter welchen anfänglichen Bedingungen die Bundesleitung mit dem Bundesvorsitzenden Otto Hörsing die genannten Aufgaben plante und besprach. Bei seiner Gründung hatte das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold keine festen Büroräume, sondern arbeitete aus Hörsings Magdeburger Privatwohnung.
Rückblickend beschrieb Hörsing 1928 die Lage kurz nach der Gründung: „Zunächst wurde die Arbeit in meiner Privatwohnung gemacht. Fast Abend für Abend saßen mehrere Kameraden mit mir zusammen in meinem Wohnzimmer, um die Grundlage für die kommende Großorganisation zu schaffen. Bald wuchs die Arbeit an. Ich musste ein Zimmer völlig räumen. Dort haben wir dann einige Monate in sehr großer Enge schlecht und recht durchgehalten.“ Auf dem Gründungsaufruf des Reichsbanners wird deshalb als Adresse für mögliche Zuschriften ersatzweise die Adresse der Kanzlei des Gründungsmitglieds und Bundesgeschäftsführers Dr. Horst Baerensprung in der Leipziger Straße 60 in Magdeburg angegeben.
Jahrelange Raumsuche
Um der Raumenge zu entgehen, griff Hörsing auf zwei repräsentative Amtsräume zurück, die er als Oberpräsident der preußischen Provinz Sachsen (damalige Bezeichnung für den obersten Verwaltungsbeamten in einer Provinz in Preußen) in Anspruch nehmen konnte. Der Stahlhelm, der Wehrverband der extremen Rechten, bekam jedoch davon Kenntnis und agitierte in der Öffentlichkeit gegen die angebliche Zweckentfremdung. Zudem kam das Problem hinzu, dass die Räume wegen anderer Veranstaltungen oft belegt waren und dort daher keine Reichsbanner-Materialien dauerhaft gelagert werden konnten. „Das Ganze blieb doch eben ein mehr als trauriger Notbehelf, mit dem wir uns aber monatelang abfanden, da wir Räume zu mieten nicht in der Lage waren. Ein volles Jahr haben wir so durchgehalten“, erinnert sich Hörsing später.
Als die Raumfrage immer dringlicher wurde und die Entwicklung der Gesamtorganisation zu beeinträchtigen drohte, begab man sich umso energischer auf die Suche nach Räumlichkeiten in Magdeburg. Aber es gab zunächst erneut Rückschläge. Viele angefragte Vermieter in Magdeburg, selbst solche, die der republikanischen Bewegung nicht ganz abgeneigt waren, sagten die Bereitstellung von Büroräumen ab. Nach über einem Monat fanden sich schließlich in einem städtischen Haus am Ratswaagenplatz mehrere Zimmer. Diese waren jedoch in einem erbärmlichen Zustand und mussten vom Reichsbanner erst neu instandgesetzt sowie Heizkörper und Beleuchtung eingebaut werden. Bei den Renovierungsarbeiten halfen Mitglieder aus dem gesamten Stadtgebiet.
Doch auch dieses Glück währte nicht lange, denn nach wenigen Monaten verkaufte die Stadt Magdeburg das Haus und beschloss den Abriss zugunsten eines Neubaus. Das Grundstück war vom Magdeburger Gewerkschaftskartell erworben worden, das an dieser Stelle ein neues Gewerkschaftshaus errichten wollte. Die Suche begann daher für das Reichsbanner erneut. Herausfordernd wurde, dass die Hauptverwaltung im Bund inzwischen stark angewachsen war. Mittlerweile benötigte das Reichsbanner Räumlichkeiten mit mindestens zehn Zimmern, jedoch waren die Mieten für das Reichsbanner oft nicht bezahlbar. 1928 erinnert sich Hörsing zurück: „Nun begann ein neues Trauerspiel. Man wollte uns entweder gar nicht haben oder, wenn ja, dann forderte man derartig hohe Mieten, im Durchschnitt 1000 Mark pro Zimmer und Jahr, die wir unter keinen Umständen bezahlen konnten.“
Unter diesem Eindruck wuchs im Bundesvorstand die Erkenntnis, dass der Kauf eines Hauses möglicherweise finanziell vorteilhafter sein könnte als die Anmietung einer großen Wohnung. Daraufhin beschloss der Bundesvorstand einstimmig, sich auf die Suche nach einem Haus zu begeben. Doch auch hier gab es zunächst wieder Rückschläge in Form von überteuerten und ungünstig gelegenen Objekten.
Das neue Bundeshaus
Die Suche endete, als die Magdeburger Ortskrankenkasse aus einem Altbau in der Regierungsstraße 1 auszog, da sie sich ein neues modernes Verwaltungsgebäude errichtet hatte. Im Herbst 1928 handelte das Reichsbanner und erwarb das Gebäude. Endlich hatte der Verband genügend Räumlichkeiten, um seine Aktivitäten zu entfalten, und die Odyssee fand ihr Ende. Nach einigen Umbauten entstand so das Bundeshaus. Teile des Gebäudes, die das Reichsbanner nicht benötigte, wurden untervermietet. Im Erdgeschoss befanden sich das Gaubüro der Kriegsgeschädigten und das Gaubüro des Reichsbanners Magdeburg-Anhalt sowie ein großer Veranstaltungssaal für bis zu 80 Personen. Im ersten Stock waren die Räumlichkeiten der Bundesleitung untergebracht. Im zweiten Stock befanden sich die Büros der SPD-Bezirksleitung und ihrer Unterbezirke, der Arbeiterjugend und des Deutschen Landarbeiterverbandes. Das oberste Stockwerk beherbergte zudem fünf Wohnungen. Im Jahr 1929 wurde die Hausfassade saniert, das Bundeshaus entwickelte sich zu einem lebendigen Ort der republikanischen Bewegung.
Im Juni 1929 erwähnte Otto Hörsing in seinem Artikel „Die Reichsbannerstadt – Magdeburg und die Republik“ auf der Titelseite der Reichsbannerzeitung noch einmal im größeren Rahmen die Wichtigkeit des Gebäudekaufs: „Welche Fülle von Arbeit bei der Durchführung der Organisation zu bewältigen war, davon kann sich der Außenstehende kaum einen Begriff machen. Draußen im Lande warb ein Heer von begeisterten Republikanern für das Reichsbanner, in Magdeburg aber saßen fast Abend für Abend eine Anzahl Kameraden in meiner Privatwohnung mit mir zusammen. […] Nach langen Bemühungen gelang es, das ehemalige Verwaltungsgebäude der Allgemeinen Ortskrankenkasse käuflich zu erwerben, in dem der Bund nunmehr seinen Sitz hat. […] Wenn schon die Schaffung des Bundeshauses ein Beweis für die innere Kraft des Reichsbanners ist, so wird es in noch stärkerem Maße die Bundesschule sein, die vor den Toren Magdeburgs im Werden ist und der geistigen und körperlichen Ausbildung der Reichsbannerkameraden dienen soll.“
Das Bundeshaus, ein Ort deutscher und Reichsbannergeschichte, wurde 1934 zum Sitz der Staatspolizeileitstelle Magdeburg der Gestapo und in Horst-Wessel-Haus umbenannt. Gegner der Nationalsozialisten erlebten dort Willkür und Folter. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus zerstört und nicht wieder aufgebaut.
Quellen: RBZ 1928 und 1929 sowie Häuserbuch der Stadt Magdeburg